Warum Leseförderung

Lesen ist eine Schlüsselkompetenz und eine Grundlage für die Teilhabe an der Gesellschaft. Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland haben allerdings große Defizite beim Lesen, wie internationale Bildungsstudien zeigen.

Infobox: PISA-Studie – untersucht die Lesekompetenz von Jugendlichen

PISA ist die Abkürzung für „Programme for International Student Assessment“. Die weltweit größte Schulleistungsstudie wird seit 2000 alle drei Jahre von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt. In Deutschland nehmen rund 10.000 Schülerinnen und Schüler teil. Getestet werden 15-Jährige in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Dabei wird jeweils ein Kompetenzbereich als Schwerpunkt genauer untersucht. Mit PISA 2018 beginnt der dritte PISA-Zyklus und zum dritten Mal (nach 2000 und 2009) wird als Schwerpunkt die Lesekompetenz erfasst. Die Ergebnisse werden im Dezember 2019 vorgelegt. www.pisa.tum.de

Was versteht PISA unter Lesekompetenz?

PISA versteht Lesekompetenz als wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher Ziele, als Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens und der eigenen Fähigkeiten und als Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der PISA-Test erfasst, inwieweit Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, geschriebenen Texten gezielt Informationen zu entnehmen, die dargestellten Inhalte zu verstehen und zu interpretieren sowie das Material im Hinblick auf Inhalt und Form zu bewerten. Dabei werden unterschiedliche Arten von Texten eingesetzt, neben kontinuierlichen Texten wie Erzählungen, Beschreibungen oder Anweisungen auch nicht-kontinuierliches Material wie Tabellen, Diagramme oder Formulare.
Quelle: Pisa 2000. Die Studie im Überblick. Grundlagen, Methoden und Ergebnisse. Berlin: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (2002)

PISA: enger Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungschancen

PISA ist die bekannteste Bildungsstudie: Bekannt vor allem wegen des unerwartet schlechten Abschneidens der deutschen Schülerinnen und Schüler bei der ersten Erhebung im Jahr 2000. Als die Ergebnisse 2001 veröffentlicht wurden, löste das in der deutschen Öffentlichkeit einen „PISA-Schock“ und heftige öffentliche Diskussionen aus: In allen getesteten Gebieten lagen die Leistungen der teilnehmenden Jugendlichen weit unter dem Durchschnitt der anderen OECD-Länder. Spitzenreiter war Deutschland allein bei der Bildungsungerechtigkeit: In keinem Land war die schulische Leistung so eng an die soziale Herkunft gekoppelt wie in Deutschland.

Weitere Ergebnisse von PISA 2000 für den Bereich „Lesen“:

  • Fast jeder vierte Schüler leseschwach: Knapp ein Viertel (22,6%) der getesteten 15-Jährigen kann nur auf einem elementaren Niveau lesen und zählt damit zur „Risikogruppe“.
  • große Leistungsstreuung: Der Abstand zwischen den Ergebnissen der leistungsschwächsten und der leistungsstärksten Schülerinnen und Schüler ist breiter als in den anderen Teilnehmerstaaten.
  • Hobby lesen? Der Anteil der Jugendlichen, die angeben, nicht zum Vergnügen zu lesen, ist in Deutschland mit 42 Prozent besonders hoch. In der Gruppe der Jungen beträgt der Anteil sogar fast 55 Prozent.
  • Mädchen vorn: Mädchen verfügen über eine höhere Lesekompetenz als Jungen.

Seitdem haben die Jugendlichen deutlich aufgeholt: Die letzte Erhebung 2015 verzeichnet einen deutlichen Anstieg der Lesekompetenz der 15-Jährigen in Deutschland.
Allerdings betrifft die Leistungssteigerung nicht alle Gruppen gleichermaßen. Die durchschnittliche Lesekompetenz der Jugendlichen an nicht-gymnasialen Schularten unterscheide sich beträchtlich von der durchschnittlichen Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien, schreiben die Forscher. Verbesserungspotenzial sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb vor allem bei der Förderung besonders leseschwacher Schülerinnen und Schüler in Deutschland.

Infobox: IGLU-Studie – untersucht die Lesekompetenz von Grundschülern

Bei der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) – internationale Abkürzung PIRLS („Progress in International Reading Literacy“) wird seit 2001 alle fünf Jahre Text- und Leseverständnis bei Viertklässlern getestet sowie deren Leseverhalten und Lesemotivation erfasst. In Deutschland nehmen rund 4.000 Schülerinnen und Schülern am Ende der vierten Jahrgangsstufe an knapp 200 Schulen teil, die nach dem Zufallsprinzip bestimmt werden. Die Testaufgaben berücksichtigen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade des Textverstehens sowie zwei Textsorten: literarische Texte, (z.B. Kurzgeschichten) und Sachtexte (z.B. altersgerechte Lexikonartikel). Mit Hilfe von Fragebögen wird zudem auch erfasst, wie gerne und wie häufig die Viertklässler lesen. Die Forscher schauen dabei auch auf das Umfeld der Kinder: Welchen sozialen Hintergrund haben die Eltern? Wie viele Bücher gibt es im Haushalt?

Was versteht IGLU unter Lesekompetenz?

Lesen ist laut IGLU ein konstruktiv-interaktiver Prozess:
„Textverständnis wird als ein informationsverarbeitender Prozess aufgefasst, bei dem Lesende die im Text enthaltenen Informationen mittels Lesestrategien und Verarbeitungsprozessen aktiv mit ihrem Vor- und Weltwissen zusammenführen und eine mentale Repräsentation des Gelesenen konstruieren. Das Rahmenkonzept differenziert Prozesse des Leseverstehens und lesebezogene Einstellungen und Gewohnheiten der Lesenden.“ Quelle: IGLU 2016

IGLU 2016: Fast jeder fünfte Viertklässler kann nur unzureichend lesen

Anders als bei PISA war im Grundschulbereich anfangs die Welt noch in Ordnung: Die getesteten Viertklässler erreichten in Deutschland bei der ersten Untersuchung 2001 beim Lesen überdurchschnittliche Leistungen und lagen im internationalen Vergleich im oberen Drittel. Dieses Bild hat sich gewandelt, wie die jüngste Untersuchung zeigt, die im Dezember 2017 vorgelegt wurde.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Kluft zwischen guten und schlechten Schülern wird größer: Die Zahl der besonders lesestarken Viertklässler stieg von 8,6% im Jahr 2001 auf 11,8% im Jahr 2016. Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl der Grundschüler mit starken Leseschwächen von 16,9% auf 18,9%.
  • Deutschland im internationalen Vergleich: Zwischen 2001 und 2016 sind die Leseleistungen der Grundschüler in der 4. Klasse weitgehend stabil geblieben. Im internationalen Vergleich sind die Schülerinnen und Schüler in Deutschland allerdings zurückgefallen: Gab es 2001 nur vier Länder, die signifikant besser abschnitten, waren es 2016 schon 20 Länder.
  • Die Herkunft entscheidet: In Familien, bei denen es mehr Bücher gibt und die Eltern Berufe mit höherer Qualifikation ausüben, können die Grundschüler deutlich besser lesen und mit Texten umgehen. Der Leistungsvorsprung von Kindern aus Familien mit mehr als 100 Büchern beträgt in Deutschland etwas mehr als ein Schuljahr. „Für keinen Teilnehmer zeigen sich im Vergleich mit Deutschland signifikant größere sozial bedingte Disparitäten in den Leseleistungen“, so die Studie.
  • Gymnasialempfehlung: Je besser die sozioökonomische Stellung einer Familie, umso höher ist die Chance, dass das Kind eine Gymnasialempfehlung bekommt – unabhängig von den Leistungen und kognitiven Fähigkeiten. Diese soziale Spaltung bei den Bildungschancen ist seit 2001 größer geworden: War 2001 die Chance auf eine Gymnasialempfehlung für Kinder aus oberen Schichten 2,6 Mal so hoch wie bei sozialschwächeren Elternhäusern, so war 2016 diese Chance schon 3,4 Mal so hoch.
  • Lesen in der Freizeit: 70% der deutschen Grundschüler lesen zumindest ein- oder zweimal wöchentlich in ihrer Freizeit. 17% lesen nie oder fast nie zum Vergnügen. Der Anteil an Kindern, die jeden Tag oder fast jeden Tag zu ihrem Vergnügen lesen, ist gegenüber 2001 um fünf Prozentpunkte gesunken, bei den Leseschwachen sind es sogar zehn Prozentpunkte.
  • Mädchen lesen lieber und besser als Jungen: „Die geschlechtsspezifischen Unterschiede zugunsten der Mädchen haben sich seit 2001 kaum geändert“, heißt es in der Studie, „dies gilt neben Deutschland für fast alle Teilnehmerstaaten.“
  • Probleme bei Sachtexten: Lesekompetenz der deutschen Grundschüler ist bei literarischen Texten höher als bei Sachtexten.
  • Förderung: Insgesamt erhält nur ein Drittel der leseschwachen Schülerinnen und Schüler in Deutschland eine zusätzliche schulische Förderung im Lesen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen auf Basis der Befunde im Rahmen der vier IGLU-Erhebungen Maßnahmen in den folgenden Bereichen (Quelle: IGLU 2016)

  • gezielte Unterstützung für leseschwache Schülerinnen und Schüler
  • Verstärkung des kognitiven Anregungspotentials von Aufgaben zum Lesen und gezielte Förderung lesestarker Schülerinnen und Schüler
  • verstärkter Einsatz von Sachtexten im Leseunterricht und gezielte Förderung von wissensbasierten Verstehensleistungen
  • Herstellung von Chancengerechtigkeit für Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sozialen Herkunft, ihrem Migrationsstatus oder anderen Merkmalen
  • verstärkte Implementation von Leseförderung in der Sekundarstufe I
  • Ausweitung und Verbesserung von Aus- und Fortbildungsangeboten im Bereich des adaptiven Unterrichtens

Mit dem Projekt LESEZEICHEN möchten wir einen Beitrag leisten, um mehr Chancengerechtigkeit durch Leseförderung zu erreichen.